🩸 Der Totschlag in Langenhagen (1723): Ein Vaterschlag und das Schweigen
Wer nachts in alten Kirchenbüchern liest, muss auf Geister gefasst sein. Manchmal findet man trockene Daten, und manchmal stößt man auf Tragödien, die einen auch nach 300 Jahren nicht mehr loslassen. Ein solcher Fall ereignete sich im Jahr 1723 im kleinen Dorf Langenhagen. Es ist die Geschichte des Bauern Jacob Dammin, seiner Frau Ilse und ihres kleinen Sohnes Dietrich.
Die Waffe: Eine Wagenrunge
Es war der 22. Dezember, kurz vor Weihnachten. Ein Streit eskalierte. Jacob Dammin griff zu einer Runge. Für diejenigen, die das Wort nicht kennen: Eine Runge ist eine schwere, massive Holzstange oder Eisenhalterung, die an den Seiten eines Leiterwagens befestigt wird, um die Ladung zu halten. Ein schweres, tödliches Werkzeug.
Er wollte damit seine Ehefrau verprügeln – ein grausamer Akt, der damals unter dem Deckmantel des „Züchtigungsrechts“ oft geduldet wurde. Doch im blinden Zorn traf er nicht nur sie. Er traf „aus Versehen“ seinen erst 5-jährigen Sohn Dietrich am Kopf.
📖 Die Lüge und die Wahrheit im Kirchenbuch
Der Pastor von Langenhagen trug den Tod des Jungen in das Sterberegister ein. Und dieser Eintrag ist ein historisches Dokument des Schreckens, weil er die Lüge der Eltern und die Vermutung der Nachbarn nebeneinander stellt.
Dort steht geschrieben:
„Den 22. Decembris ließ Jacob Dammin ein (aus) Hagen seinen Sohn Dieterich begraben, welcher den Vorgaben nach vom Stuhl auf sein Hirn gefallen, daß der Bregen heraus geflossen, u. kein eintziges Wort mehr geredet, vermutlich aber von seinem eigenen Vater erschlagen, welcher noch sein Weibe mit einen Rungen geschlagen, u. den Sohn getroffen.“
„Vom Stuhl gefallen“ – eine dürftige Ausrede für eine Verletzung, bei der das Gehirn („Bregen“) austritt. Der Pastor wusste es besser. Er hielt die schreckliche Wahrheit für die Nachwelt fest.
👣 Die Flucht nach vorn: Ein neues Leben in Zidderich
Hat Jacob Dammin für diesen Totschlag gebüßt? Gab es eine Strafe? Die Akten schweigen bisher. Was wir wissen, ist, dass das Leben für ihn weiterging. Er verließ Langenhagen und zog in das Nachbardorf Zidderich.
Das war kein Zufall: Seine Frau Ilse Köster, die er am 14. November 1715 geheiratet hatte, war eine Schulzentochter aus Zidderich. Vielleicht suchte die Familie Schutz bei ihren Verwandten? Oder der Druck im Dorf wurde zu groß? Tatsache ist: Die Familie wuchs weiter. Bei den Taufen der weiteren Kinder in Zidderich taucht der Name Köster immer wieder als Pate auf.
Hier ist die Liste der Kinder, die Jacob und Ilse in Langenhagen (und danach) bekamen – ein Zeugnis, dass das Leben trotz der Tat weiterging:
- Hans (* 12. Dezember 1716)
- Ilsabe Maria (* 05. Dezember 1718)
- Dieterich (* 25. Februar 1721 – † 22. Dezember 1723, das Opfer)
- Margreth (* 16. August 1723)
- Johann (* 07. Juni 1725)
- Marx Jacob (* 19. Mai 1727)
- Catharina Ilsabe (* 1729)
- Rosin Hedewig (* 1732)
- Samuel Jacob (* 1733)
- Hans Rudolph (* 1736)
Es bleibt ein beklemmendes Gefühl zurück, wenn man sieht, wie viele Kinder noch folgten, während der kleine Dietrich vergessen unter der Erde lag – erschlagen vom eigenen Vater.

